Dienstag, 20. Oktober 2009

Das Ende einer unvorhersehbaren Geschichte?

"Was wird aus den beiden Fahrscheinkontrolleuren?", Weazel Wissum meint natürlich Bängler und Kalotzki, die beiden Kripobeamten.
"Anna wird sich um sie kümmern", antwortet Lolita, dirigiert Weazel in einen der unübersichtlichen Korridore in "Lolitas Lounge" und verschwindet mit ihm dann in einem geräumigen Zimmer mit schweren dunkelroten Samtvorhängen.

Anna war Triathlet. In einem früheren Leben. In Frankfurt war sie unter den ersten zehn und auf Hawaii brachte sie es immerhin bis auf Rang 16, und das war absolute Weltklasse, wenngleich ihr die ganz großen Siege versagt blieben. Anna lief, schwamm und fuhr eine unglaubliche Rekordzeit nach der anderen, ehe sie bemerkte, dass sie immer nur ihrem eigenen Geheimnis davon lief, davon schwamm und davon fuhr. Dass sie einer persönlichen Offenbarung entfloh, die sie selbst nicht wahrhaben wollte. In dem schlanken, stangenlangen und durchtrainierten Muskelkörper des Triathleten Anders Wendig steckte das Wesen einer Frau. Als Anna endlich bei sich angekommen war, war sie Weltmeisterin geworden. - Anna hat noch eine andere Leidenschaft: Sie ist eine passionierte Verwandlungskünstlerin. Schon immer hat sie es geliebt, mit Klamotten, Hüten, Bärten und Schminke in die Rolle anderer Menschen zu schlüpfen. Bängler und Kalotzki schnaufen, keuchen und husten, wie sie dem rennenden Weazel Wissum aus einem Hinterausgang des Etablissements zu folgen versuchen. "Verdammt ... schnell ... der Alte", ächzt Bängler. "Man glaubt es ...", jappst Kalotzki, "...kaum ... so schnell ...ist der!" Sieben Blocks weiter wird sich zeigen, dass Anna immer noch verdammt gut im Lauftraining ist.

"Also, warum musste Kylie sterben?" Wissum schaut sehr ernst.
"Du weißt es, Weazel ", weiß Lolita, "Sie war zu einem Sicherheitsrisiko geworden."
"Das Rüsselsheimer Spionageprojekt...", der Alte wird jetzt so bleich wie es seinem Alter entspricht.
"Eure Münchner Auftraggeber haben die Russenmafia unterschätzt - und ihr beide, Kylie und du, ihr habt sie auch unterschätzt. Die Welt funktioniert nicht mehr so wie vor dreißig Jahren, Weazel. Das Umfeld ist härter geworden, fieser, durchtriebener, gemeiner und brutaler, mörderischer! Die Jungs aus Stupino wollten sich das nicht einfach gefallen lassen, dass ihre Übernahmepläne bei MOPEL durch euren Spionagezug gesprengt wurden. Die Kerle hätten unser komplettes Netzwerk durcheinander gewirbelt, mein guter Weazel! Wir mussten handeln, schnell handeln."
"Ihr habt Kylie ... geopfert!"
"Irgendein Kopf muss rollen, damit das System weiterleben kann. Das weißt du doch am allerbesten, Weazel!"
Weazel weiß es und schweigt. Stille kehrt ein und Weazel wird plötzlich sehr müde. Erst jetzt merkt er, wie aufreibend die letzten Tage, Wochen und Monate waren. Und dass er, der große Weazel Wissum, die lebende Legende, der Mythos Wissum, längst nicht mehr der Jüngste ist. Auf einmal wird ihm auch bewusst, dass er sich hier, mitten in der getarnten Kommandozentrale des Netzwerks, hier in Lolitas Lounge, nicht allzu sicher fühlen sollte.

Wie zur Antwort auf diesen alarmierenden Gedanken klopft es an der Tür. Lolita spricht mit dem bulligen Türsteher - "...Walther ... nicht Frank...", hört er ihre tiefe Stimme korrigierend murmeln - und kurz darauf wird ein gut gekleideter Herr mit einem großen, schwarzen Schnurrbart vorgeführt. Auch er ist älter geworden, denkt sich Weazel, aber er erkennt ihn sofort, kein Wunder, sie haben viele Jahrzehnte ihres Lebens zusammen verbracht, immer wieder getrennt, immer wieder zusammen. Zappa und Wissum gehen langsam aufeinander zu, schauen sich an, umarmen sich dann lange wie zwei Brüder, die sich nach Ewigkeiten wieder begegnen.
"Mein Beileid, Weazel, das mit Kylie tut mir sehr leid."
Wissum nickt stumm und spürt einen dumpf pochenden Schmerz.
"Schön, dich zu sehen, Walther", sagt er und stolpert selbst über seinen naiven Optimismus, ehe er ergänzt: "Was habt ihr beiden mit mir vor?"
"Die Zeit ist gekommen, alter Junge, wir sind alle ein paar Jährchen reifer geworden, nicht wahr?", lacht Zappa seinem alten Feindfreund leise entgegen. Wie viele Jahre und Jahrzehnte haben sie doch gemeinsam gearbeitet, denkt er und erinnert sich an ihr bis in alle Details ausgeklügeltes System. Interpol und Europol, Lolitas Netzwerk und all die heimlichen großen Drahtzieher, die Wirtschaftsbosse und Politmagnaten, die ihre Kunden und Auftraggeber waren über all die Zeiten. Oft hat er den Eindruck gehabt, dass die Fäden der Welt heimlich in seinen Händen zusammenlaufen - und in den Knotenpunkten des Netzwerks. Ungezählte Male, wenn er abends die Tagesschau sah, die ihren Zuschauern die globalen Hintergründe vorzustellen vorgab, wusste er, Walther, es wieder besser als Wickert. Und mit ihm trugen nur wenige die Last weltweit verknüpfter Geheimnisse auf ihren Schultern, ein kleiner Zirkel aus Mitwissern: Lolita, Weazel, Kylie... Ja, die gute Kylie. Und Walther erinnert sich an die Jahre, als Weazel und er nicht nur über das Netzwerk miteinander verbunden waren, sondern auch über die schöne, attraktive, freche, immer etwas schrille Kylie. Aber niemals, nicht ein einziges Mal, wären die beiden Männer, die mit derselben Frau schliefen, deshalb Gegner geworden. Ja, sie hatten oft ein Hühnchen miteinander zu rupfen, wenn Weazel mal wieder seine Alleingänge gemacht hat, ohne das System zu unterrichten. Aber was bedeutet das heute? Peanuts! Denkt sich Walther. Über all die Jahre und Jahrzehnte haben sie ihre ganz eigene Feindfreundschaft gehabt, wie er es oft nannte, aber niemals, nicht ein einziges Mal, hätten sie sich deshalb ernsthaft bekriegt. Weazel Wissum und Walther Zappa - die beiden uneingeschränkten Helden in Lolitas globalem Netzwerk - sie haben sich immer, was auch geschehen war: gegenseitig geachtet.

"Weißt du, Walther, meistens hatte ich das Gefühl...", räuspert sich Wissum mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, "das Gefühl, dass ich eigentlich nie richtig verstanden habe, wer wo wann welche Fäden zieht..." Weazel lacht und scheint dabei den Tränen nahe. "Und auch diese neue Sache mit den Russen und den Chinesen und den Bayern, also: ich jedenfalls habe da nie richtig kapiert, um was es eigentlich geht. Du vielleicht?"
"Um ehrlich zu sein - nein, ich auch nicht so richtig...", Walther schüttelt lächelnd den Kopf. "Ich habe mir gedacht: Wenn das jetzt so ein Krimi wäre, und die Leute müssten ihn lesen, dann würde doch niemand auch nur annähernd verstehen, was die Autoren mit dieser MOPEL-Geschichte gemeint haben..." Die beiden alten Herren fangen an zu prusten und lauthals zu lachen wie grau gewordene Lausbuben.

"Es ist Zeit!", befiehlt Lolita, die während des Gesprächs der beiden Männer an der Tür stehen geblieben ist. "Wir müssen los! Walther, hast du deinen gelben Haifisch wie besprochen an Ausgang Fünf?"
"Wie besprochen", antwortet Zappa, und alle drei gehen - Weazel leistet keinen Widerstand - zu dem Sportwagen des Interpolbeamten. Als sie ihren Weg durch die regennassen Großstadtstraßen in Richtung Flughafen aufnehmen wollen, sehen sie am Straßenrand eine junge Frau mit nassen Kleidern stehen, die ihnen mit großen Augen nachschaut.
"Was will die denn...", murmelt Walther Zappa.
Auch Wissum überlegt laut: "Die kenne ich doch..."
"Egal", herrscht Lolita die beiden an, "weiter, los, das Flugzeug wartet nicht!"
"Wohin soll der Flug denn gehen", will Wissum nach einiger Fahrzeit wissen.
"Wirst du sehen", weiß Lolita.
"Eine Art Altenheim für Bankräuber und Industriespione?" lacht Wissum mit spitzen Lippen und ergänzt dann düster: "Oder ein Abstellgleis - auf dem man, wenn man nicht aufpasst, wie zufällig vor einen fahrenden Zug geraten kann...?"
"Nein", antwortet Lolita, " du kannst leben, Weazel, und alt werden, wie es dir beliebt. Nur - ein wenig aus dem Schussfeld solltest du dich jetzt begeben. Und zwar für den Rest deiner Tage. Und dort, wo du Ruhe finden kannst, da bringen wir dich jetzt hin. Es ist an der Zeit. Du wirst ab jetzt meistens gutes Wetter haben, mein Bester!"

Den Rest der Fahrt schweigen die drei. Ein Schweigen, wie es sich für drei Einzelgänger gebührt. Denn in einem starken Netzwerk muss vor allem gehandelt werden und wenig geredet.
Am Airport angekommen, bringen Walther Zappa und Lolita ihren alten Kooperationspartner Weazel Wissum zur Passagierhalle - so wie es sich für alte Freunde gehört. Am Ausgang wird Weazel von einem eher kleinen, aber sehr sehnigen und ziemlich kräftigen Mitarbeiter empfangen, der vielleicht aus Südostasien stammen könnte, vermutet Weazel jedenfalls. Mit freundlichem Gruß und einem weniger freundlichen, hart um seine Schultern gelegten Muskelarm führt ihn der Asiate auf die Zugangstreppe. Als die Boeing endlich abhebt, schießt Weazel Wissum mit Blick über Deutschland nur ein flüchtiger Gedanke durch den Kopf. "Komische Geschichte", denkt er und fällt für den Rest seines Fluges in einen ungeheuer tiefen, nicht mehr enden wollenden Schlaf. - Ja, und dies scheint dann das Ende einer unvorhersehbaren Geschichte zu sein. Oder etwa nicht?

Samstag, 19. September 2009

Orientierungslos

Während Bängler versucht, sich zwischen den im Eingang drängelnden Personen hindurch zu quetschen, räumt Kalotzki das Feld von hinten auf: er bleibt vornübergebeugt, mit den Händen auf die Knie gestützt und heftigst vor sich hin keuchend stehen, Sternchen wabern vor seinen Augen hin und her, er steht kurz vor einer Ohnmacht. Irgendwo rechts von sich hört er etwas scheppern, irgendjemand ruft mit jugendlich überschnappender Stimme „Holt mich hier raus, ihr Idioten!“, dann kehrt Ruhe ein.
Kurz.
Denn dann wird Kalotzki wieder zu Bewusstsein gerufen.
„STEHENBLEIBEN! POLIZEI!“ Bängler. Im Nachtclub!
Kalotzki rafft sich auf und stolpert auf den Eingang zu.

Ilse steht patschnass in einer dunklen Straße irgendwo in einem Stadtteil, den sie nur von der Durchfahrt mit dem Bus her kennt. Die laue Nacht wird allmählich doch kühl und Ilse beginnt zu frieren.
Verdammt, das Leben ist nicht fair.
Sie setzt sich wieder in Bewegung. Irgendwo muss doch noch ein Laden geöffnet haben, ein Lokal, von wo aus sie ein Taxi rufen kann. Nach Hause ist es zu Fuß – vor allem durchnässt – denn doch zu weit. Zumal sie sich bestimmt zu allem Überfluss noch verlaufen würde. Und wer weiß, was für Spießgesellen ihr hier des Nachts noch begegnen könnten?
Ohne es zu wissen, folgt sie dem Weg, den der gelbe Sportwagen genommen hat.

Donnerstag, 17. September 2009

Im Sturm

Bängler war anfangs einfach nur mal losgelaufen, Kalotzki keuchend hinter sich. Es erinnert ihn an seine Zeit in Brühl, als er mit einem Kumpel des Grundstudiums morgens immer Laufen war. Der hatte auch immer so gekeucht, obwohl er ihn niemals hatte abhängen können.
Bängler grinst. Und kommt beinahe aus dem Tritt, als das Handy klingelt und ihn zurück in die Gegenwart holt. Er sucht in sämtlichen Taschen seines Jackets bis er es dann doch in der Hosentasche findet. Richtig, er hatte ja eben erneut mit der Einsatz-Leitzentrale telefoniert. Kalotzki bremst ungelenk ab und scheint überglücklich, ein Päuschen einlegen zu können.
"Bängler!" geht der Kriminalbeamte ungeduldig dran. Er horcht den Worten im Handy, will schon antworten, als er zusammenfährt. Schüsse - wie von einem Maschinengewehr. Und ganz hier in der Nähe!
Er stopft das Handy einfach zurück in sein Jacket und rennt auf die Quelle des Lärmes zu. Die nächste Straßenecke, dahinter muss es sein. "Kommen Sie , Kalotzki!!! Keine Müdigkeit!"
Kalotzki scheint den Tränen nahe, humpelt ihm aber artig hinterher.

Kaum um die Ecke erblicken sie in ca. 100 Meter Entfernung eine Menschenansammlung, die sich vor einem Nachtclub scharen. Einige aus dem Pulk drängen gerade zurück in das Lokal, andere johlen und schwenken Biergläser. Zwei Männer scheinen es eilig zu haben, einen Mülleimer davonzutragen. Bängler beschleunigt. Sind hier doch nur Silvesterknaller bei einer Feier gezündet worden?
Die johlende Masse erkennt wohl allzuschnell, dass hier Ordnungshüter im Anmarsch sind und zerstreut sich plötzlich murmelnd. Bängler und Kalotzki würden Mühe haben, jemandes habhaft zu werden, der wirklich was gesehen hat. Das kennen sie schon. Oder die Zeugen widersprechen sich alle.
"Kalotzki! Ich will Namen!" bellt Bängler.
Hinter ihm ist nur ein ersticktes Schnaufen zu vernehmen.
Bängler verlässt sich darauf, dass Kalotzki jetzt nicht sich übergebend zusammenbricht, sondern seiner Anweisung folgen wird, während er wieder nach seinem Handy fummelt und im Alleingang den Nachtclub "Lolitas Lounge" stürmt.


Fortsetzung folgt...

Montag, 14. September 2009

Triptychon

"Ey, super, ey...", entweicht es dem jungen Kraftprotz unwillkürlich aus seiner offen stehenden Kinnlade, als der Alte aus seinem Leierkasten heraus das Gehwegpflaster in Fetzen schießt. Dann kippt er rückwärtig in einen Kölner Mülleimer und bleibt auch noch darin stecken, während die Feuersalven den Kübel aus der Halterung reißen. "Nehmt ihn mit, bevor ich am Ende noch böse werde", wendet sich Weazel Wissum an die beiden anderen staunenden Jungs. Ohne zu zögern, packen die beiden ihren pickeligen Kameraden an den praktischen Haltegriffen seines Eimers und machen sich ziemlich eilig auf und davon.

Aus dem Nachtlokal mit dem Namen "Lolitas Lounge" ist eine kleine Zuschauergruppe aufgelaufen. Ein Mann mit roter Glatze beginnt Beifall zu klatschen und die anderen Gäste stimmen anerkennend ein. Der Leierkastenmann steht auf und deutet der Menge eine freundliche Verbeugung an. "Zielsicher wie immer, Weazel?", hört er plötzlich eine tiefe Frauenstimme und dreht sich zu ihrem Herkunftsort. "Lolita...", flüstert Wissum, wird blass und bekommt weiche Knie, was möglicherweise dadurch verstärkt wird, dass er auf dem völlig zerschossenen Pflaster schlecht stehen kann, was aber vermutlich doch mehr mit der überwältigenden Erscheinung der Fünfzigjährigen zu tun hat. Als zwei Männer, ein Großer und ein Kleiner, beide leicht humpelnd, aus noch etwa hundert Meter Entfernung näherkommen, und zwar im für Eingeweihte unverkennbaren Polizeigalopp, gibt die Barbesitzerin dem Alten ein Zeichen und Lolita und Weazel verschwinden hastig in dem Nachtlokal, gefolgt von den noch immer applaudierenden Gästen.

Einer der Streifenpolizisten hält sich schmerzverzerrt das Knie. Ilse spaziert bereits um die übernächste Ecke und murmelt "Ist doch wahr! Wenn seine Kollegen Döner holen gehen und er turtelt bloß auf dem Handy mit seiner Tussi, muss ich mich ja irgendwe vergackeiert fühlen. Ich meine, was ist denn das für eine Bewachung?!?" Auf jeden Fall ist Ilse in der Lage gewesen, dem rothaarigen Polizisten mit ihrer altbewährt unkonventionellen Kniemethode zu demonstrieren, dass er seinen Streifendienst zukünftig doch bitte etwas ernster nehmen solle! Es fängt wieder heftig an zu regnen und Ilse entschließt sich, jetzt einfach nach Hause zu laufen und sich endlich in ihr wohliges, weiches, warmes Bett zu legen - ihr erklärtes Lieblingstriptychon des Lebens! -, als ein gelber, haifischartiger Sportwagen ziemlich schnell und ziemlich wichtigtuerisch an ihr vorbeirauscht und aus einer ziemlich großen Pfütze einen verdammt voluminösen Schwall Kölner Wasser über sie ergießt. Ilse fährt es mal wieder schaudernd den Rücken hinunter. "Das Leben", denkt sie benommen und schaut irgendwohin ins Leere, "das Leben ist doch ... eine große, schwarze Regenpfütze!" Der gelbe Hai ist bereits zwei Blöcke weiter, während sie das denkt, und Walther Zappa dreht die gigantische Musik seines verehrten Edgar Varèse etwas leiser. Das Navi zeigt ihm, dass er jetzt nicht mehr weit von seinem Zielpunkt entfernt sein kann. "Wir werden sehen, Weazel, wir werden ja sehen...", murmelt er unter seinem großen schwarzen Schnurrbart hervor.

Freitag, 11. September 2009

Kriminal Tango

Als sein Bürotelefon die digitalisierte 50er-Jahre-Melodie von Hazy Osterwalds "Kriminal-Tango" zelebriert, ist Zappa erleichtert, aus seinen schweren Gedanken gerissen zu werden. Es ist die interne Leitung für die gesammelten Recherchedienste aus den Abteilungen bei Interpol und Europol.
"Zappa", grummelnd meldet er sich und schiebt den Hörer unter seinen Schnurrbart.
"...Frank?!?...", räuspert ihm eine jungenhafte Stimme ungläubig entgegen. Wieder mal ein Neuer, denkt Walther Zappa und entschließt sich, diese leidige Obligatfrage nach seinem Vornamen zu ignorieren.

"Schießen Sie los, was haben Sie über das Wissum-Team herausgefunden?"
"Wissum? Ah, genau! Wissum! Ja, also, die beiden - also, die sind, die haben es auf Industriespionage abgesehen - und ab und an ein Bankraub ... zur Finanzierung ihrer Ausrüstung vermutlich ..."
"Ach ja? Hören Sie, die Kriminalgeschichte der Wissums ist mir bestens bekannt, beschränken Sie sich auf die aktuellen Entwicklungen 2008 / 2009!"
"Jaaa, gut, also", antwortet die helle Bubenstimme, "ja, hier, 2008 sind die beiden erst durch einen großen, ziemlich spektakulären Bankraub in London in Erscheinung getreten. Kylie Wissum wurde eindeutig auf den Kameras erkannt, und die ganze Choreographie des Raubzugs entspricht klar der legendären Wissumtechnik! Gefasst wurden sie nicht."
"Natürlich. Und weiter?"

"Jaaa, dann - genau, hier, also! März 2009 machen die beiden durch einen mysteriösen Fall von internationaler Industriespionage auf sich aufmerksam. Schwerpunkt der Aktivität ist Deutschland, aber die Drähte laufen weit in den Osten. Es geht um Automotive! Besser gesagt, da spielt offenbar ein Unternehmen aus der Zuliefer-Industrie der Automobil-Branche eine entscheidende Rolle..."
Blöder Studentenkopf, komm zur Sache, denkt Zappa. "Marke? Produkte? Zulieferungen? Import? Herkunftsland?", bellt er barsch in den Hörer.
"Jaaa, also, es geht um die Rüsselsheimer Marke MOPEL, um genau zu sein. Der Kampf um die Übernahme, Sie wissen schon, wer macht das Rennen? Und ja, ein Spin-Off-Unternehmen mit Sitz in..."
"Sitz in...?

"Ja, in Russland! Stupino, irgendein Vorort von Moskau, um genau zu sein. Hergestellt werden dort einige Motorteile. Die Firma heißt "Stupino Moskwitsch". Senkrechtstarter im Automobil-Wachstumsmarkt Russland. Und ja, das Unternehmen ist lange als einer der Mitbewerber um die MOPEL-Übernahme aufgetreten. Wie´s aussieht, ist die Russenfirma wiederum mit dem chinesischen Autokonzern Brilliance im Bunde, der bereits Joint Venture-Partner eines anderen deutschen Autoherstellers ist. Immerhin 300.000 Brilliance rollen auf dem Chinamarkt jährlich vom Band..."
"Brilliance? Ist das nicht der Chinakracher aus dem ADAC-Heft?"
"Ja, genau, im Crashtest verhält er sich wie eine Blechbüchse! Naja, wenn man wiederum der Propaganda der europäischen Autoherstellerlobby Glauben schenken darf. Jedenfalls - ja, hier! Der Russen-Spin-Off hat im Frühling 2009 Interesse angemeldet, MOPEL zu übernehmen!"
"Davon habe ich nie etwas gehört.", grübelt Zappa.
"Die Bundesregierung hat die Sache streng geheim gehalten. Bei Stupino Moskwitsch scheint offenbar so einiges über dunkle Kanäle zu laufen. Russenmafia. Und Gelder, die aus Deutschland nach Shenyang und von dort nach Moskau geflossen sind. Und, ja, also ... na, das ist ja ein Ding!"
"Wenn Sie vielleicht so freundlich wären?"

"Ja, genau, also... Eine süddeutsche, christlich orientierte Volkspartei hat sich offenbar stillschweigend mit immensen Mitgliedergeldern dafür eingesetzt, die Übernahmepläne von Stupino Moskwitsch in ihrem Sinne mitzugestalten - oder zu boykottieren, wenn man so will. Man war also im Grunde genommen daran interessiert, MOPEL kleinzukriegen. Dafür wurden dann auch zu einem für MOPEL wirklich sehr ungünstigen Zeitpunkt mehrere bedeutende Innovationen aus der MOPEL-Datenbank kopiert. Die Fäden scheinen in München gezogen worden zu sein. Im Juni 2009 kam es dann also zu einem unglaublichen Fall von Industriespionage, als ein hochspezialisiertes Einbrecherteam sich erst Zugang in die Rüsselsheimer Schaltzentrale verschaffte und schließlich direkt vor Ort die Daten entnehmen konnte. Die Choreographie des Einbruchs trägt wiederum eindeutig die Handschrift von..."
"Wissum!", wusste Walther Zappa.

"Genau, aber ... mehr als das...", der Neuling will es stolz mit Spannung verkünden, wie seine jetzt noch hellere Knabenstimme verrät.
"Was denn jetzt?", knurrt es ihm entgegen.
"Ja, also! Kylie Wissum machte am 16. August 2009 eine Aussage, mit der sie ihren Mann Weazel Wissum schwer belastete und ihm die Verantwortung für das Rüsselsheimer Spionageprojekt anhängte!"
"Oha", Zappas Kinnlade ist plötzlich zu Blei geworden, "war Weazel das bekannt?"
"Offenbar nicht. Die Sache wurde überall streng geheim gehalten. Man ahnte wohl, dass es einen gewaltigen politischen Eklat gegeben hätte, wären die freistaatlich-bayerischen Absichten bekannt geworden. So folgte eine Nachrichtensperre, halt mal wieder so eine explizite Aufforderung aus dem Berliner Innenministerium. Nichts durfte bekannt werden! Außerdem Kronzeugenregelung für Kylie. Irgendwann hat Europol durch eigene Recherchen, die offenbar von der General Motors Corporation angeleiert wurden, von der ganzen Sache Wind bekommen. Ja, und jetzt steht das in unseren allergeheimsten Archiven, und nicht einmal das Innenministerium weiß, was wir bereits wissen."

In Zappas nachtblaues Hirn schiebt sich ein ganzes Spektrum von Rottönen: Eine gewaltige Morgenstimmung macht sich in ihm breit wie nach sieben Jahren eiskalter Polarnacht. Das hätte der Interpol-Mann nach all den Jahren, die er mit dem Wissum-Team klammheimlich zusammengearbeitet hat, nun wirklich nicht für möglich gehalten...

Donnerstag, 10. September 2009

Abschweifen

Ilse sitzt auf dem Rücksitz eines Streifenwagens und versucht, es sich irgendwie bequem zu machen. Sie rutscht hin und her, verschränkt mal die Arme, mal schlägt sie die Beine übereinander, nur um die Haltung doch wieder zu verändern.
Sie ist zu weit gegangen.
Mal wieder.
Warum hatte sie ihrem Impuls nur so spontan stattgegeben, ihn nicht unterdrückt, sich nicht einfach mal rausgehalten?
Sie beobachtet, wie zwei Männer einen schwarzen Sack aus dem Bus heraustragen und draußen in einen anthrazitfarbenen Sarg legen. Deckel drauf. Hochgehoben und weggetragen.
Das war dann wohl die Leierkastenfrau.
Ob sie jetzt wohl in irgendeinem kaltweißen komplett gefliesten Raum obduziert werden wird?
Ilse fährt es schaudernd den Rücken hinunter.
Sie schaut sich nach Bängler um, doch der hat den Schauplatz hier anscheinend verlassen. Selbst das Strebergesicht kann sie nicht erblicken. Die Spurensicherung hat sich auch aus dem Staub gemacht. Ein paar Streifenpolizisten stehen hier noch herum, der Busfahrer setzt sich zwischen die geöffneten Luftdrucktüren seines jetzt leeren Busses auf den Boden und zündet sich eine Zigarette an. So hat er sich seinen Dienst wohl auch nicht vorgestellt.
Aber was ist jetzt mit ihr?
Was wollen die denn noch von ihr?
Verdammt! Warum war sie nicht mit dem Rad statt mit dem Bus gefahren?

Walther Zappa schaut auf den Computermonitor vor sich.
Sollte die Kriminalpolizei in L. tatsächlich dem alten Wissum auf der Spur sein? Dieser Bängler, oder wie der hieß? Er schien sich recht sicher gewesen zu sein, aber konnte das wirklich sein? Weazel Wissum?
Und Kylie tot?
Sie waren ein Team gewesen. Damals.
Bängler hatte dem Verdächtigen noch keine Fingerabdrücke abnehmen können. Sie konnten nicht sicher sein, dass es Weazel ist.
Aber wenn...
Mein Gott.
Jetzt wurde ihm langsam klar, wie sehr es all die Jahre auf ihm gelastet hatte, dass er Wissum nie dingfest hatte machen können.

Sonntag, 6. September 2009

Weazles Instrument

Weazle Wissum - eigentlich Industriespion und Bankräuber im Ruhestand - klappt den Leierkasten oben auf und langt in die dunkle Öffnung des Musikinstruments. Seine Hand sucht offensichtlich nach einem Gegenstand. Dabei behält er die sich nähernden Kraftprotzen über seine Brillengläser hinweg im Auge. Er weiß, er hat Zeit, denn die drei scheinen sich eben jene nehmen zu wollen. Einer der drei mausert sich mal eben zum Anführer - ein Halbstarker mit ganz besonders fieser Akne und dem in diesem Falle wohl damit einhergehenden Groll gegen die ganze Welt - und will jetzt wohl doch Nägel mit Köpfen machen: er nimm Anlauf und schwingt seinen rechten Arm in weitem Bogen, in der Faust ein rotes Hämmerchen.
Die beiden anderen Wütigen halten sich noch hinter dem Hammerschwinger und wollen wohl eher sekundieren.
Weazle tut der Bengel fast leid. Mit einer geschmeidigen Bewegung zieht er einen bestimmten Hebel im Inneren des Instruments, die vorne sichtbaren Orgelpfeifchen springen förmlich zur Seite und machen Platz für ein seltsames Rund an dunklen Röhrchen. Wissum ergreift die Kurbel und dreht.
Zwei der Angreifer können sich per Hechtsprung aus der Gefahrenzone retten und anschließend flüchten. Ihr Vorstürmer allerdings erstarrt mit hochgerecktem Hämmerchen und nässt sich die Hose ein, während vor ihm das Pflaster förmlich in Fetzen geschossen wird.

Zappa am Apparat

"Ja Interpol, Zappa am Apparat! Was kann ich für Sie tun? (...) Zappa, genau! (...) Mein Gott, nein, natürlich nicht, immer die gleiche Frage! Walther lautet der Vorname, Walther Zappa, und wenn Sie jetzt so freundlich wären, mir mitzuteilen, ähmein Herr ähm wie war doch gleich IHR Name? (...) Aja, Herr ähm Bängler?!? Ziemlich blöder Name, oder? (...) So so (...) Ja, ich verstehe (...) Verstehe (...) Verste - wie? bitte? Wissum??? (...) Ich fass es nicht. Und die zwei leben noch?! (...) Ajso, ja, dann mal mein Beileid wegen der Dame, wenn sie denn wirklich tot ist (...) Ist sie also, na gut, dann streichen wir Kylie Wissum aus der Fahndungsliste, ist auch besser so. Wobei Weazle Wissum eindeutig der Gefährlichere ist, dem sollte man sich nicht auf fünf Meter annähern ohne Leibgarde (...) Ja, mein Herr ähm Bängler, das werden wir natürlich prüfen! (...) Okay, wird gemacht. (...) Geht klar, melde mich in ähmmm 60 Minuten! *klack* - Mein Gott, Wissom! Weazle Wissom, Junge, Junge, dass es DEN noch gibt..."

Bängler packt sein Handy in irgendeine Tasche seines faltigen Jackets, in dem er es bei nächster Gelegenheit wieder mühsam in allen Taschen suchen würde, und gibt Kalotzki ein Zeichen. "Na, dann nehmen wir mal die Verfolgung auf, bevor unser Mann auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Die Leute von Interpol haben zwar fetzige Namen heutzutage, aber ansonsten wirken sie doch eher verschlafen." "Bängler, Sie meinen, wir beide machen uns auf die Verfolgung? Sie und ich also? Nicht die Streife vielleicht?" "Kalotzki! Sie sind ein elender Streber, aber wenn´s drauf ankommt, haben Sie die Hosen geschissen voll - Sie sind genau der richtige Mann, um es in diesem Laden richtig weit zu bringen! Aber los jetzt..." Und endlich stürzt Bängler und nach einem letzten Ruck auch Kalotzki - beide leicht humpelnd - aus dem Bus, um einen alten, etwas schrill gekleideten Leierkastenmann mit dem legendären Namen Wissum vor drei vierzehn- oder fünfzehnjährigen Kraftprotzen zu retten und jenen dann direkt auf ihre Polizeiwache mitzuschleifen. "Wäre doch gelacht", schnauft Bängler zu sich selbst, während er durch die nächtlichen Straßen rennt, "den Alten kriegen wir, und vielleicht werden ihn die drei Schläger ja schon ein bisschen für uns vorbereiten..."

In diesem Moment erreichen drei Rentnerschrecke ihr nächstes Opfer. "He, Alter, wieso so eilig?", fragt der besonders gravierend Pubertierende und lässt sein Nothämmerchen scheinlässig kreiseln, das er nach dem mutwilligen Einschlagen der Busheckscheibe nicht wieder an den Platz zurückgelegt hat, der für Nothämmer vorgesehen ist. Der alte Leierkastenmann schweigt, setzt sich still auf eine einsame Bank direkt neben einem Nachtlokal mit dem Namen "Lolitas Lounge" und beginnt in aller Seelenruhe, während die drei Jungs bereits heisere Drohschreie mit zwischengeschalteten Piepslauten ausstoßen, seinen merkwürdigen Leierkastenkoffer zu öffnen.

"Weazle Wissum, ich fass es nicht", brummt Walther Zappa derweil vor sich hin und spielt mit seinem Brieföffner. "Ich dachte, der Kerl wäre längst im Rhein versoffen..." Und plötzlich verfinstert sich die Miene des Interpol-Beamten. "Weazle, wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen, mein Alter..."

Samstag, 5. September 2009

Das Strebergesicht...

will Bängler zunächst mit wichtigem Gesichtsausdruck beiseite ziehen, bemerkt dann aber, dass dieser die Verdächtige aus dem Bus am Kragen gepackt hält und blinzelt verwundert. „Ähm... es gibt was Neues zu der Toten.“, macht er dann aber in seinem Programm weiter, als würde Ilse nicht gerade keuchend versuchen, sich aus dem Griff des Kriminalbeamten zu befreien. Bängler nickt dem Strebergesicht auffordernd zu.
„Es scheint, als sei sie die Hälfte eines bundesweit gesuchten Pärchens...“ Er bricht ab, denn Ilse hat gerade Bängler gegen sein Schienbein getreten, was plötzlich dessen ganze Aufmerksamkeit beansprucht.
„Verdammt!“, brüllt Bängler auf. „Geben Sie endlich Ruhe, Sie Quälgeist! Sie reiten sich doch nur immer weiter rein!“
Er schubst Ilse dem Strebergesicht entgegen. „Kalotzki, verfrachten Sie sie auf den Rücksitz eines Streifenwagens!! Wir nehmen sie nachher mit auf’s Revier. ICH kümmere mich jetzt zunächst einmal um den Flüchtigen!“
Kalotzki verzieht das Gesicht. Trotzdem packt er die sich sträubende Verdächtige seinerseits beim Kragen und zerrt sie zum nächstbesten Streifenwagen.
Bängler hingegen sucht sein Handy hervor und wählt.
Als Kalotzki missgelaunt und ganz leicht humpelnd zu ihm zurückkehrt, hat er schon die alarmierten Einsatzkräfte in Stellung gebracht und auch gebührend gewarnt. Die merkwürdige Kleidung des Leierkastenpärchens hatte bei ihm schon zu Anfang irgendeine noch verborgene Erinnerung in ihm anläuten lassen, doch erst Kalotzki hatte ihn darauf gebracht: sie waren hier berüchtigten Profis auf der Spur - dem Wissum-Pärchen!
Sein nächster Anruf würde Interpol gelten...

Sonntag, 30. August 2009

Ilse...

sieht den Dreien händereibend hinterher und kann sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen. Das hat ja prima geklappt. Die Halbstarken würden bestimmt für genug Lärm sorgen und dem Leierkastenmann ein großes Hallo bescheren.
Ilse dreht sich feixend um und findet sich Nase an Nase mit dem jungen bartstoppeligen Kriminalbeamten. Vor lauter Schreck vergisst sie, zurückzuweichen.
„Was war das denn?“ zischt Bängler ihr leise ins Gesicht.
Ilse beschließt, ihr Gehirn erstmal auf Stand-by zu schalten und gar nichts zu sagen.
„Wo sind die drei hin? Was hatten Sie mit denen zu besprechen?“
Ilse fixiert weiterhin Bänglers Nasenspitze und schweigt.
„Sie kommen jetzt erstmal mit aufs Revier, meine Liebe!“ wird dieser jetzt lauter und packt sie am Kragen. „Sie sind doch nicht ganz koscher!“
Ilse stolpert Bängler hinterher, von dem wütenden Kriminalbeamten gezogen und gezerrt. Ihr Gehirn schaltet sich selbsttätig und völlig ungefragt wieder ein und schimpft ihr ein „Was hast du da schon wieder angerichtet?“ zu, und „Selbst schuld!“. Sie schickt mehrere Stoßgebete gen Himmel, die Halbstarken sollten doch endlich, endlich lärmend die Aufmerksamkeit auf sich und den hoffentlich auf dem Boden liegenden Leierkastenmann ziehen, doch im Himmel ist die Sprechstunde bereits um und keiner nimmt den Anruf entgegen.
Draußen vor dem Bus wird Bängler – Ilse im Schlepptau - von dem Strebergesicht abgepasst. Er kommt mit Neuigkeiten...